Universität Bonn

Abteilung für Musikwissenschaft/Sound Studies

Listening as Labour: Prekäre Hörarbeit in postindustriellen Kulturinstitutionen

Diese Dissertation untersucht das Zuhören als Form von Arbeit in postindustriellen Kunstinstitutionen im Deutschland nach der Wiedervereinigung. Im Mittelpunkt stehen die Hörpraktiken niedrig positionierter Kulturarbeiter*innen, deren aufmerksame und affektive Tätigkeit den alltäglichen Betrieb aufrechterhält, zugleich jedoch unterbewertet und selten als Arbeit anerkannt wird. Aufbauend auf Georgina Borns Analyse der Unterscheidung zwischen Produzent*innen und Reproduzent*innen von Kultur (1996) untersucht die Studie jene Arbeitskräfte, deren Tätigkeit die Institution trägt, während sie von deren diskursiver Autorschaft ausgeschlossen bleiben. Durch die Einbettung dieser Hörpraktiken in medientheoretische Genealogien auditiver Arbeit (Sterne 2003, Siegert 1990, Bijsterveld 2008) und ihrer digitalen Transformationen (Scherzinger 2019) zeigt die Dissertation, wie sensorische Arbeit institutionelles Leben stützt und zugleich unsichtbar bleibt. Aufbauend auf diesem Rahmen wird untersucht, wie die materiellen Logiken der Ausstellung und die institutionellen Diskurse, die sich in ihnen kristallisieren, die akustischen Bedingungen von Arbeit prägen –und wie dieselben Institutionen durch das Zuhören jener, die sie aufrechterhalten, selbst hörbar werden.
Die Dissertation umfasst fünf Fallstudien zur Umwandlung industrieller Infrastrukturen in Stätten kulturellen Kapitals. Dabei stehen unterschiedliche Modelle kultureller Produktion im Fokus, in denen Klang die Ausstellungspraxis und institutionelle Bedeutung prägt. Hören vermittelt zwischen materieller Infrastruktur und diskursiven Formen und zeigt, wie Institutionen sich klanglich, affektiv und materiell reproduzieren. Durch die Verbindung phänomenologischer Feldforschung, Archivrecherche und Diskursanalyse verknüpft die Dissertation die sinnliche Erfahrung der Beschäftigten mit den organisatorischen Strukturen und Narrativen, die institutionelles Leben rahmen. Der Fokus auf gering entlohnte Arbeitskräfte überbrückt dabei die Mikroebene verkörperter Arbeit und die Makroebene kultureller Produktion und zeigt, wie geerbte industrielle Hörweisen – wenn auch in transformierter Form – in postindustriellen Institutionen fortbestehen.
 
Kontakt: alejandraborea@gmail.com

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