Die Fluidität der Stimme. Queere Vokalität in der populären Musik, 1918-1939
Queere Zugänge zur Stimme haben in der Musikwissenschaft vielfach Berücksichtigung gefunden. Bisherige Arbeiten bleiben überwiegend gegenwartsorientiert und lokal begrenzt, sodass historische und globale Dimensionen queerer Vokalität bisher unzureichend untersucht sind. Das Desiderat greift dieses Dissertationsprojekt auf und erforscht die klangliche Dimension der Stimme historisch und global in Verbindung mit queerer Theorie. An dieser Problemstellung anknüpfend konzeptualisiert die Dissertation Stimme aus Perspektive von Performativitätstheorien, die Identität, Sexualität und Gender als performative Prozesse und nicht als ontologisch eindeutig und gegeben verstehen. Diese Perspektive führt zum zentralen Konzept der sogenannten Fluidität der Stimme, mit dem die Dissertation die Transformierbarkeit und die situative Konstitution von Stimmklang beschreibt. Unter Fluidität versteht die Dissertation die Fähigkeit der Stimme, sich zu wandeln und über Klang zwischen kulturellen und soziopolitischen Dimensionen zu vermitteln. Queere Vokalität wird sowohl innerhalb als auch außerhalb von Hetero- und Cisnormativität praktiziert und kann jenseits sprachlicher Artikulation hörbar werden. Die Dissertation schlägt in dieser Hinsicht vor, queere Vokalität als klangliches Merkmal einer musikkulturellen Bewegung zu sehen, die in der globalen Zwischenkriegszeit stattfand. Die zentrale Forschungsfrage lautet: Wie manifestiert sich queere Vokalität in ihrer prozessualen Wandlungsfähigkeit, und inwiefern eröffnet sie neue Räume für queere Praxis und globale Hörbarkeit im Widerstand gegen hegemoniale Normen? Vor diesem Hintergrund richtet die Arbeit ihren Fokus auf zwei Analyseachsen: Erstens wird untersucht, wie die mediale Zirkulation von Stimme als Träger von Vokalität die Überschreitung materiell konstituierter Grenzen begünstigt. Zweitens wird analysiert, inwiefern queere Vokalität als klangliche Praxis zur Artikulation und Mobilisierung marginalisierter Positionen beiträgt und queere Widerstandspraktiken vorantreibt. Ausgehend von dieser Perspektive zielt das Dissertationsvorhaben darauf ab, eine klangbasierte Theorie queerer Vokalität zu entwickeln, die Fluidität als zentrales analytisches Prinzip etabliert und anhand musikkultureller Fallbeispiele populärer Musik in New York, Berlin und Kairo von 1918-1939 konkretisiert. Klangliche Qualitäten wie Timbre, Pitch und Dynamik sollen analytisch als Formen stimmlicher Modifikation evaluiert und als Marker für Fluidität erschlossen werden. Auf diese Weise fungiert die Klanganalyse als methodisches Bindeglied zwischen den materiellen Ebenen der Stimme und ihren performativen Dimensionen. Die Untersuchung von Vokalität als eigenes Forschungsfeld ermöglicht es, die klangliche Fluidität von Stimmen zu analysieren, ohne sie auf normative Vorstellungen von Identität, Sexualität und Gender zu reduzieren. Die Arbeit soll einen Beitrag zur Öffnung der Musikwissenschaft für queere Perspektiven zu Musik/Klang, Medientechnologien und Schallplattenlabel leisten.
Kontakt: lonischatz@uni-bonn.de